In der Fremde

Ich liege im Bett und habe Zeit zu lesen:
„Es gibt keine menschlichen Rassen, es gibt nur eine Menschheit mit Männern und Frauen, Menschen verschiedener Hautfarben, Große und Kleine, ein jeder mit unterschiedlichen Fähigkeiten.“ (aus Papa, was ist ein Fremder? von Tahar Ben Jelloun)
Ich mag dieses Buch sehr und freue mich es an einem mir fremden Ort, bei mir fremden Menschen im Bücherregal zu entdecken. Fremdheit ist ein Thema, welches mich im Vorhinein der Tour sehr beschäftigte.
Denn irgendwie verhalte ich mich auch fremdenfeindlich! Ich habe das Vorurteil „Deutsche sind ungastfreundlich und unfreundlicher als Mebschen in anderen Ländern“. Ich gehe damit sogar hausieren, begründe darin dieses Projekt. Ich bin offen?… Das ist reine Fremdenfeindlichkeit. Ich stecke alle Menschen in diesem Land in einen Topf.
Ist doch Quatsch! Ich lebe hier, meine Familie, meine Freunde, es ist mein zu Hause – ich kenne die meisten Menschen in Deutschland. Wie viele sind davon ungastfreundlich und unfreundlich? Richtig – die wenigsten!
Und auch in den Gesprächen mit Menschen bzgl. der Tour sage ich das dazu, also, dass ich nicht glaube, dass dieses Vorurteil Stand halten wird. Trotzdem halte ich mich an meinem „Deutschland ist scheiße“ Fähnchen fest.
So oft will ich mir selbst beweisen, dass ich offen gegenüber der Fremde und gastfreundlich bin. Wie oft hatte ich jedoch schon das Gefühl, dass ich das eben nicht bin. Und habe dann häufig den Grund dafür in meiner Herkunft aus diesem verschlossenen Land gesucht. Einfach, um eine schnelle Erklärung zu haben und mir zu beweisen wie blöd Deutschland ist, „siehst du, auch du bist deutsch, ekelhaft deutsch“. Wenn es so einfach wäre, den Ursprung eigener Schwächen auf die eigene Herkunft zu schieben. Zudem bin ich ja auch gar nicht so ungastfreundlich, ich beziehe das oft nur darauf, dass ich Gäste nicht sofort mit Essen und Trinken überlade, sie reich beschenke und sie auf Händen trage. Ich bin eher so: „komm fühl dich wie zu Hause, bedien dich selbst“. Wir haben oft Besuch und ich liebe es für andere zu kochen. Mein Anspruch mir gegenüber ist oft einfach hoch, zu hoch.

Woher kommt dieser tiefverwurzelte Gram gegen mein Heimatland? Aus der Nazivergangenheit dieses Landes insgesamt oder der meiner Familie, der Orte an denen ich lebe? Warum reise ich ständig an Orte des Naziverbrechens? Um ihn zu spüren, den Hass gegen dieses Land?
Ich weiß es nicht genau und finde nur vage Antworten. Es sind sicher auch vieles Ausreden für die eigene Feigheit und eigenen Schwächen. Verknüpfungen, die ich herstelle für Sachen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Was heißt es schon deutsch zu sein? Zu allererst bin ich Mensch, sind wir alle Menschen und Erdbewohnende.
Wir leben hier in einer tollen Welt, mit wundervollen Lebewesen. Diese Erde ist total gastfreundlich, sie schenkt uns allen einfach so, offen und herzlich ihre Schätze und Früchte. Die Menschen, die auf diesem Planeten leben sind alle Gäste. Oft vergessen wir das. Nicht wir sind gastfreundlich, sondern dieser bemerkenswerte Planet ist es. Uns gehört hier eh nichts, warum streiten wir z.B. um Dinge, die uns nicht gehören?

Ich fange jetzt an mich zu bedanken, dass ich als Gast auf diese Erde geboren wurde und so reich beschenkt werde. Jetzt gerade in Meerbusch mit einem gemütlichen Bett, einem Tee direkt daneben und einem herrlichen Vogelkonzert vor dem Fenster.
Danke, dass ich in solch einer gastfreundlichen Welt leben darf!

 

1 Kommentar

  1. Haben gestern den Film „Die Schüler der Madame Anne “ im kommunalen Kino „Lichtblick in Otterndorf“ vorgeführt. Das Publikum war sehr angetan von dem Film, wir selber auch. Kann man bestimmt in Schule und Jugendarbeit einsetzen.
    Die Fragen nach Respekt, Abbau von Vorurteilen und so weiter, werden wir immer wieder, aus verschiedenen Aspekten und aus jeweils aktuellen Situationen angehen müssen. Hold on!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*